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Mit anderen Augen

Mein Vater hatte als Kleinkind Kinderlähmung. Seine Mutter war auf und davon, die Impfung untergegangen. Mit täglicher Disziplin und der Unterstützung seiner Oma machte er Übungen, bis er wieder laufen konnte. Für mich ist es unbegreiflich, wie eisern sein Wille gewesen sein muss, um das zu erreichen.Was blieb, ist ein eher dünnes Bein, dessen Anblick nicht erraten lässt, wie viel harte Arbeit und Kraft dahinter steckte, dass es ihn überhaupt trägt. Es bedeutet eine Einschränkung, die lange nicht zu Wort kam in seinem Alltag.

Seit ich denken kann, war mein Papa Sportler. Handball, Fitnesstraining, Tanzen und Tennis waren seine Leidenschaften, abgesehen vom Fußball schauen 🙂 Sein behindertes Bein hinderte ihn nicht daran, diesen Leidenschaften nachzugehen, und ich war darauf immer sehr stolz.

Nun, mit über 60, kommen langsam Spätfolgen. Das Bein möchte nicht mehr so, die Muskeln bauen sich langsamer auf und seine Beweglichkeit ist eingeschränkt. Auch glaube ich, hat er Angst zu fallen. Handball wurde schon vor längerer Zeit an den Nagel gehängt, Tennis etwa vor einem Jahr. Es muss ihm fehlen, aber er sagt nix.

Am Wochenende habe ich mitbekommen, wie ein ehemaliger Vereinskollege gesagt hat, er hat eh nie gern gegen Papa Tennis gespielt, wegen dem Bein und seiner Behinderung. Diese Bemerkung hat mich so wütend gemacht, da sie vor Ignoranz nur strotzt. 😠(Mein Papa steht da bemerkenswerterweise drüber…)

Die meisten Menschen haben zwei Beine, die sie je zur Hälfte tragen, mit denen sie rennen und tanzen und Sport machen können. Und sie sehen sie nicht mal.Mein Papa hat eineinhalb – und wenn ich ihn auf seine ihm ganz eigene Art gehen sehe, wo das halb so starke Bein immer zu kämpfen hat, spüre ich nichts als Dankbarkeit und Stolz. Dass es ihn noch immer trägt. Dass es nicht aufgegeben hat. Dass er nicht aufgegeben hat, damals nicht und heute nicht. Ich sehe seinen Willen, seinen Trotz gegen dieses Schicksal, seine Sportbegeisterung und seine Freude an Bewegung.

Das ist es, was ich sehe. 🙂

Author: carasmelody

daydreamer, hopelessly hopeful, I love the power of words, I love poems, words are soulfood

4 thoughts on “Mit anderen Augen”

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