Design a site like this with WordPress.com
Get started

Freiheit und Liebe

Am Wochenende hatte ich das Privileg, Zeit mit meinen Eltern zu verbringen. Ich sage Privileg, denn ich habe es sehr genossen, sie zu sehen, und einfach bei ihnen zu sein. Dort ticken die Uhren anders, man ist in Rente, alles geht gemütlicher. In Corona-Zeiten sowieso, kann man ja nichts ausmachen, niemanden treffen, man bewegt sich also in seiner kleinen Welt, strickt und liest und plaudert mit denen, die man vermisst. Ich merke, sie sind Gott sei Dank vorsichtig, und haben gefühlt auch ein wenig Angst, vor Corona, vor dem Alleinsein, vor dieser Welt, in der wir leben. Dieses zurückgezogene Leben zehrt an ihnen, bei aller Einsicht und allem Verständnis. Sie haben sich selbst, als Paar und Wegbegleiter und täglichen Gesprächspartner, und dennoch spürt man es, das Bewusstsein, dass sie nicht unverwundbar sind, sondern verletzlich und in ihrer Verletzlichkeit für mich so echt. Auf mich wirkt das rührend irgendwie.

Im Fernsehen kam ein Bericht über Proteste gegen Corona-Maßnahmen. Menschen ohne Maske, Menschen in Menschenmassen, Polizisten am Limit. Pandemie eindämmen gegen die persönliche Freiheit, sich zu bewegen, und zu tun, was man will?

Ich saß neben meinen Eltern, Risikogruppe, die nach über 40 Jahren noch ihre mittlerweile weng faltigen Hände halten, wenn sie TV schauen.

Ich fragte mich, ob es sich nach Freiheit anfühlen kann, mich frei zu bewegen, allen Maßnahmen zum Trotz, wenn diese Freiheit bedeutet, dass woanders ein Mensch vielleicht erkrankt, oder in Quarantäne muss? Wenn individuelle Freiheit auf der anderen Seite bedeutet, dass ein Arzt bei steigenden Zahlen und sinkenden verfügbaren Betten irgendwo entscheiden muss, wen er behandeln kann – oder wer alleine auf der Intensivstation liegt und dort isoliert, alleine ohne seine Familie, heilen muss, ohne Zuspruch und eine wärmende Umarmung? Was bedeutet diese von uns allen sicher gleich vielgeschätzte Freiheit von einem Individuum, wenn woanders eine Tochter vielleicht ihre Eltern nicht sehen kann, oder an eine Krankheit verliert, oder an einen Mangel an Intensivbetten, oder Ärzten, oder Personal? Was bedeutet diese Freiheit von mir, wenn andere nicht mehr frei sind von Krankheit, oder von Angst, oder von Sorgen, oder am Rande ihrer Kraft?

Heißt Freiheit nicht auch Freiheit von Angst, und von Sorgen, und von Gedanken der Schuld? Und heißt Freiheit nicht auch, frei zu sein, frei zu denken und fühlen, und zu spüren, dass es hier nicht um Grundrechte geht, um Schwarz oder Weiß, oder Recht und Unrecht, sondern um so viel mehr?

Ich frage mich, wenn ich so etwas wie diese Proteste, diese Wut, sehe, ob wir uns die richtigen Fragen stellen. Diese Menschen dort, in ihrer Wut, ebenso wie ich, hier, auf dem Sofa, in meiner Welt. Ich sehe meine Eltern an und bin froh, hier zu sein, bei ihnen, in ihrer kleinen Welt, in der ich einen großen Platz einnehme. Ich bin geliebt, und ich bin für vieles dankbar.

Unter anderem auch für jene Unsichtbaren, die an einem Impfstoff forschen, Kranke behandeln, an der Kasse und in der Apotheke stehen, meinen Alltag im Lockdown begleiten, Pläne zur Verbesserung der Lage entwerfen … und ich bin dankbar für all jene da draußen im Großen, sowie für die in meiner kleinen Welt, die irgendwie durch viele kleine Aktionen dafür sorgen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Ein großes, ein Freudenfeuerwerk! Danke!

Author: carasmelody

daydreamer, hopelessly hopeful, I love the power of words, I love poems, words are soulfood

One thought on “Freiheit und Liebe”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: